Kritik
Die Ratte im Goldrahmen
Wie aus »Kunst« ein »Stunk« und aus »art« eine »rat« wird — und warum das mehr ist als ein Kalauer.
Am Anfang steht ein Wortspiel, das fast zu glatt aufgeht, um wahr zu sein. Wer die deutsche und die englische Vokabel für dasselbe — Kunst und art — hintereinandersetzt, erhält bereits einen sinnvollen Begriff: die Kunstart. Vertauscht man nun in beiden Wörtern allein die Buchstabenpositionen, kippt die Bedeutung ins Gegenteil des Erhabenen: aus »Kunst« wird »Stunk«, aus »art« wird »rat«. Das Ergebnis, der Werktitel Rattenstunk, liest sich wie eine Diagnose, die sich die Institution selbst ausstellt.
Die Arbeit belässt diese sprachliche Operation nicht beim Konzept, sondern macht sie zum Bild. In einer klassischen Gemäldegalerie — kühles Museumsgrau, Parkett, alte Meister in schweren Rahmen — sprengt eine monströs vergrößerte Ratte den prunkvollen Goldrahmen, in dem statt ihrer ein altmeisterliches Gemälde hängen müsste. Der Nager, fauchend, mit gebleckten Zähnen, besetzt den Platz, den Jahrhunderte der Hochkultur dem Schönen reserviert hatten. Das Ungeziefer, das in keinem Depot je erwünscht ist, hängt hier im Zentrum: gerahmt, geadelt, ausgestellt.
In jeder »art« steckt bereits die »rat«.
Der eigentliche Clou aber ist die Selbstbezichtigung. Rechts neben der Ratte, in einem eigenen, bescheideneren Rahmen, blickt der Künstler den Betrachter an — ein Selbstporträt, das sich vom »Stunk« nicht ausnimmt. Wer hier Kritik übt, gehört zum System, das er kritisiert. So entgeht die Arbeit der wohlfeilen Pose des Außenseiters: Der Rattenstunk ist kein Fingerzeig auf die anderen, sondern ein Blick in den eigenen Rahmen.
Kunsthistorisch steht das Werk in ehrwürdiger Linie. Die Verwandlung von Sprache in Bild, das Anagramm als schöpferischer Akt, reicht von Duchamps Wortspielen über die konkrete Poesie bis zur Institutionskritik eines Marcel Broodthaers, der sein eigenes Museum erfand, um die Mechanik des Kunstbetriebs vorzuführen. Auch das barocke Trompe-l'œil, das aus dem Rahmen zu brechen scheint, klingt an — nur dass hier nicht die Illusion durchbricht, sondern die Ratte.
Man könnte einwenden, ein Kalauer bleibe ein Kalauer, und die doppelte Buchstabenvertauschung erschöpfe sich, kaum dass man sie durchschaut hat. Doch eine solche Arbeit lebt und stirbt mit ihrer Inszenierung — und hier trägt sie: Die Strenge des Schwarz-Weiß, die Ruhe des Saals und die Wucht des fauchenden Tiers erzeugen eine Spannung, die den Witz überdauert. Was als Sprachspiel beginnt, endet als Vanitas: die Ratte als memento mori der glänzenden Oberflächen, der »Stunk« als der Geruch, den auch der teuerste Goldrahmen nicht überdeckt.
Rattenstunk ist boshaft, klug und, ja, ein wenig eitel in seiner eigenen Pointe. Aber die Arbeit hat den Mut, das Wort beim Buchstaben zu nehmen — und uns daran zu erinnern, dass die feine Trennung zwischen Tempel und Kanalisation immer nur eine Frage der Reihenfolge war.