»Kritik«
Wenn wir ein Bild einer Artischocke sehen oder eine in natura vor uns haben, denken wir sofort an das Wort „Artischocke“. Hören oder sehen wir den Begriff „Artischocke“, haben wir gleichzeitig ein Bild der Pflanze vor unserem geistigen Auge. Je nach unserem Vorwissen und unserer Erfahrung wird zudem klar, dass es sich um eine große essbare Blütenknospe handelt, genauer gesagt um den noch geschlossenen Blütenstand einer distelartigen Pflanze. In diesem Poster steht die Artischocke im Mittelpunkt – zwar als künstlerisch dargestellte Blütenknospe, aber primär als Stellvertreterin für die kontrastierenden Interpretationen, die sich aus ihrem Namen ergeben, beziehungsweise aus dem um eine kleine Präposition erweiterten Namen. Betrachten Sie das Wort „artichoke“ genauer und zerlegen Sie es in seine Bestandteile: das Substantiv „art“, das Personalpronomen „I“, das Verb „choke“, und fügen Sie dem Verb die Präposition „on“ hinzu – so erhalten Sie die bedeutungsvolle Phrase „art I choke on“. „Art“ fungiert als Blickfang und Thema oberhalb der Artischocken-Abbildung, während „I choke on“ unterhalb der Artischocke als Aussage über das Thema wirkt. Das Ergebnis ist ein minimalistisches Poster aus drei Elementen und einer dichotomen Trennung zwischen positiver und negativer Interpretation der Aussage.
Die Artischocken-Metapher funktioniert im positiven Sinne, weil Artischocken schwer zu essen sind, doch die Belohnung – das Herz – gilt als Delikatesse, als etwas, das die Mühe wert ist. So wird „art I choke on“ zu Kunst, die so reichhaltig, so lohnend, so intensiv schön ist, dass sie die Sinne auf wunderbarste Weise überwältigt. Es ist, als würde man vor Freude statt vor Frustration ersticken.
Gleichzeitig funktioniert die Metapher im negativen Sinne, weil Kunst wie schlecht zubereitete, zähe Artischockenblätter sein kann, durch die man sich durchkämpfen muss, die man buchstäblich nicht schlucken/akzeptieren kann und die einem aufgrund ihrer Bitterkeit und Ungenießbarkeit regelrecht im Halse stecken bleiben. Am Ende steht zu viel Arbeit für zu wenig Belohnung.
