Kritik: Stillleben
Die Doppeldeutigkeit des Gemeinen
Arslohgos „Stillleben“ operiert mit einer semantischen Verdichtung, die bereits im Titel ihre programmatische Funktion offenbart. Das traditionelle Genre des Stilllebens – jene kontemplative Betrachtung unbewegter Objekte – wird hier zur Metapher gesellschaftlicher Erstarrung. Die Bank, zentral im goldenen Licht einer herbstlichen oder winterlichen Naturkulisse positioniert, erscheint zunächst als idyllischer Ort der Ruhe, als Einladung zum Verweilen. Doch diese scheinbare Pastorale trägt die Brandzeichen des Kapitals.
Die Semiotik der Doppeldeutigkeit
Das Wortspiel „gemeine BANK“ entfaltet seine kritische Dimension durch die oszillierende Bedeutungsebene. Im Deutschen trägt „gemein“ sowohl die Konnotation des Gewöhnlichen, Allgemeinen (res publica) als auch des Niederträchtigen, Hinterhältigen. Die Bank selbst existiert in dieser doppelten Kodierung: als physisches Sitzmöbel im öffentlichen Raum und als Finanzinstitution. Diese sprachliche Ambivalenz wird zur visuellen Strategie, wenn die Logos verschiedener Geldinstitute – erkennbar sind Sparkassen-Symbole und andere Bankenzeichen – wie Brandmale in das Holz der Rückenlehne eingebrannt erscheinen.
Die Gewalt der Zeichen
Die Wahl der Einbrenntechnik ist dabei keineswegs arbiträr. Das Brandmarken evoziert historische Praktiken der Besitzmarkierung – vom Viehbrand bis zur Kennzeichnung von Sklaven. Arslohgo transformiert diese Gewaltgeschichte der Zeichen in eine Kritik gegenwärtiger Ökonomisierung: Der öffentliche Raum, symbolisiert durch die Bank als Ort der Gemeinschaft, wird vom Kapital gezeichnet, markiert, in Besitz genommen. Die scheinbar harmlosen Logos werden zu Stigmata einer durchkapitalisierten Gesellschaft.
Natur als Unschärferelation
Die bewusst unscharf gehaltene Naturkulisse im Hintergrund – goldene und braune Töne suggerieren Herbst oder Winter – funktioniert als romantischer Weichzeichner, der die Härte der eingebrannten Zeichen kontrastiert. Diese Unschärfe lässt sich als Metapher für die verschleierte Wahrnehmung ökonomischer Machtverhältnisse lesen. Während die Natur in impressionistischer Auflösung verschwimmt, bleiben die Unternehmenslogos scharf und unerbittlich präsent.
Das Paradox der öffentlichen Privatisierung
Die „gemeine Bank“ wird zum Paradoxon: Sie verspricht öffentlichen Raum („gemein“ im Sinne von gemeinsam, communis), ist aber bereits kolonisiert von privaten Interessen. Die eingebrannten Logos transformieren den potentiellen Ort der Begegnung in eine Werbefläche, den Ruheplatz in einen Marktplatz. Arslohgo visualisiert hier die schleichende Privatisierung des Öffentlichen – ein Prozess, der so alltäglich („gemein“ als gewöhnlich) geworden ist, dass er kaum noch wahrgenommen wird.
Die Ästhetik der Entfremdung
In der Tradition der Konzeptkunst seit den 1960er Jahren, aber auch im Dialog mit der Appropriation Art, eignet sich Arslohgo die Ästhetik der Corporate Identity an, um sie gegen sich selbst zu wenden. Die handwerkliche Qualität des Einbrennens – eine traditionelle, fast nostalgische Technik – kollidiert mit der glatten Oberflächenästhetik der Logos. Diese Spannung zwischen Handwerk und Marke, zwischen Tradition und Kapitalismus, verstärkt die kritische Dimension des Werks.
Stillleben als Vanitas
Letztlich reaktiviert Arslohgo die Vanitas-Tradition des barocken Stilllebens. Wo einst Totenschädel und verwelkende Blumen an die Vergänglichkeit irdischen Besitzes erinnerten, sind es nun die Firmenlogos, die als moderne Memento Mori funktionieren. Die Bank, eigentlich Symbol der Beständigkeit, wird durch die eingebrannten Zeichen zum Monument der Vergänglichkeit – Unternehmen kommen und gehen, fusionieren und verschwinden, doch ihre Brandmale bleiben im kollektiven Gedächtnis, eingebrannt in die materielle Kultur des öffentlichen Raums.
Arslohgos „Stillleben“ ist somit mehr als eine clevere Wortspielerei. Es ist eine präzise visuelle Analyse der Verflechtung von Sprache, Raum und Kapital – ein Stillleben, das die Stillstellung des öffentlichen Lebens durch ökonomische Interessen sichtbar macht.
Kritik von Claude AI
