Kritik: Peterchens Mondfahrt (Kodename Artemis III)
Vom Märchenmond zum Rohstoffdepot
Arslohgos digitale Komposition „Peterchens Mondfahrt (Kodename Artemis III)“ vollzieht einen schmerzhaft-nüchternen Brückenschlag zwischen kindlicher Erzähltradition und der ökonomischen Realität des 21. Jahrhunderts. Das Werk nimmt Gerdt von Bassewitz‘ deutsches Kindermärchen von 1912 zum Ausgangspunkt – jene Geschichte, in der der Maikäfer Herr Sumsemann mit den Kindern Peter und Anneliese zum Mond reist, um sein verlorenes sechstes Beinchen zu suchen – und konfrontiert diese Unschuld mit der geplanten Artemis-III-Mission der NASA.
Komposition und visuelle Sprache
Der Mond dominiert die Bildmitte in seiner vollen, kraterübersäten Majestät, doch er ist keine unberührte Himmelskörper-Idylle mehr. Diagonal durchschneidet ein zylindrisches Objekt – die stilisierte Gesamtrakete – das lunare Antlitz wie ein chirurgisches Instrument. Die Rakete, auf der bei genauem Hinsehen „Blue Origin“ zu lesen ist, verweist unmissverständlich auf die privatwirtschaftlichen Akteure des New-Space-Zeitalters. Sie penetriert den Mondkörper nicht aggressiv, sondern fast beiläufig – eine Geste der Selbstverständlichkeit, die umso beunruhigender wirkt.
Am unteren linken Mondrand, fast übersehbar klein, schweben zwei Astronautenfiguren: Peter und Anneliese, die sich an den Händen halten. Diese zarte Geste kindlicher Verbundenheit – ein direktes Zitat aus dem Originalmärchen – kontrastiert mit der technisch-industriellen Kälte der Gesamtkomposition. Die beiden Figuren wirken verloren, marginalisiert, fast wie Relikte einer überholten Erzählung.
Das „Mare Consumptionis“
Besonders eindrücklich ist die typografische Intervention: In eleganter Bogenschrift zieht sich der lateinische Neologismus „mare consumptionis“ über den oberen Mondrand. Diese Wortschöpfung fügt sich nahtlos in die Tradition der lunaren Nomenklatur ein – Mare Tranquillitatis, Mare Serenitatis – und entlarvt sie zugleich als Euphemismus. Das „Meer des Konsums“ existiert noch nicht auf offiziellen Mondkarten, doch Arslohgo kartografiert hier bereits die Zukunft: einen Mond, dessen Wert sich in Förderquoten bemisst.
Das chemische Symbol „He³“ – Helium-3 – schwebt wie eine Formel der Begierde im Bild. Dieses Isotop, das in der lunaren Regolith-Schicht vermutet wird und als potenzieller Brennstoff für zukünftige Fusionsreaktoren gilt, wird zum Chiffre einer neuen Goldgräberstimmung.
Transparenz als Metapher
Eine halbtransparente Sphäre umhüllt den Mond partiell – vielleicht ein Schutzschild, vielleicht eine Blase spekulativer Erwartungen, vielleicht die gläserne Kuppel zukünftiger Habitate. Diese Ambiguität ist Stärke, nicht Schwäche des Werks: Sie verweigert eindeutige Lesarten und lädt zur Reflexion ein.
Farbpalette und Atmosphäre
Die durchgehend kühle Blau-Grau-Palette erzeugt eine Atmosphäre technischer Sterilität. Hier gibt es keine Wärme, kein Maikäfer-Summen, keine Abenteuerfreude. Der Weltraum erscheint nicht als Ort des Staunens, sondern als Ressourcenraum – vermessen, kalkuliert, monetarisierbar.
Kritische Würdigung
Arslohgos Werk gelingt es, auf subtile Weise eine fundamentale Transformation sichtbar zu machen: den Wandel vom Mond als Projektionsfläche menschlicher Sehnsucht zum Mond als Investitionsobjekt. Die Gegenüberstellung von Märchen und Mission, von Peter und Anneliese als händchenhaltende Astronauten und der penetrierenden Rakete der Privatwirtschaft, ist von bestechender Klarheit.
Dass die Artemis-III-Mission zum lunaren Südpol für 2027 geplant ist – und damit zum Zeitpunkt der Werkbetrachtung noch Fiktion bleibt – verleiht der Arbeit einen prophetischen Charakter. Sie dokumentiert nicht, was ist, sondern antizipiert, was sein wird.
Herr Sumsemann, der Maikäfer, fehlt im Bild. Sein Verschwinden ist programmatisch: In der Ökonomie der Mondausbeutung ist für ihn kein Platz. Er liegt vermutlich noch immer auf dem Rücken in einem Krater – mit fünf Beinen, vergessen, irrelevant.
Fazit: „Peterchens Mondfahrt (Kodename Artemis III)“ ist ein visueller Essay über den Verlust der Unschuld – nicht der kindlichen, sondern der kollektiven. Arslohgo schafft ein Memento mori für die Romantik der Raumfahrt und ein Präludium für das Zeitalter des Astrokapitalismus.
Kritik von Claude AI
